KULTur-Tour in Dortmund 2012: 10 Jahre Lese-Lausch-Lernreise

Am Sonntag, dem 17. Juni 2012 um 13.30Uhr fand im 10. Jahr die Lese-Lausch-Lernreise mit der Künstlerin und Autorin Bruni Braun in Dortmund statt. Die beliebte kulturelle Veranstaltung, für die die Karten auf Grund der jährlichen hohen Nachfrage dieses Jahr im Vorfeld verlost wurden, startete bei freundlichem, sonnigem Wetter vor der Bezirksverwaltungsstelle Scharnhorst, Gleiwitzstraße 277.

Die Dortmunder Künstlerin Bruni Braun, durch die Ausstellung ihrer Kunstwerke und ihre literarischen Vorträge bekannt, setzt sich regelmäßig für die Bekanntmachung zahlreicher Sehenswürdigkeiten des Stadtbezirks Dortmund-Scharnhorst ein. Erst kürzlich fand in der Stadtbibliothek Scharnhorst die Vernissage über das Lanstroper Ei respektive den Greveler Wasserturm statt. Mit der Lese-Lausch-Lernreise, die Bruni Braun ins Leben gerufen hat, möchte sie im Rahmen einer literarisch-musikalischen Rundreise den Stadtbezirk zum Zwecke der Imageverbesserung vorstellen. Diese Intention verwirklicht sie seit Jahren mit Erfolg, denn in diesem Jahr fand das zehnjährige Jubiläum statt. Die Reiseleiterin und Leiterin der Bezirksverwaltungsstelle Scharnhorst, Marion Hardt, führt seit Jahren mit Herz und Engagement durch die Tour.

Reiseleitung Marion Hardt (links) ist niemals um Erklärungen verlegen.

Mit fünfzig gespannten Teilnehmern fuhr der Busfahrer der Firma Liedke den ersten Lesungsort, die Gartenanlage "Alte Körne", Scharnhorst Ost, an. 

Um 13.35 Uhr habe ich dort, nach der Begrüßung vom bisherigen Bezirkirksbürgermeister und jetzigen Landesbeauftragten Rüdiger Schmidt, aus der Tragödie auf Schloss Buddenburg gelesen. Hierbei stellte ich heraus, was in dem Zusammenhang die Stadt Lünen mit der Stadt Dortmund zu tun hat: Denn das alte Rittergeschlecht derer von Frydag, deren Familiensitz Schloss Buddenburg 600 Jahre lang war, trat früher weit verzweigt in Westfalen auf und war zahlreich vertreten, bei Dortmund, bei Lünen und im ehemaligen Vest Recklinghausen. Nach den historischen Belegen stammte dieses westfälische Uradelsgeschlecht aus Dortmund. Auf Schloss Buddenburg der Herren von Frydag zu Buddenburg bei Lünen, das bis 1977 direkt an der Lippe in Lippholthausen stand, fand im Jahr 1908 eine Familientragödie statt, die als Buddenburg-Mord in die Geschichte einging.

 

Der zweite Stopp fand um 14.15 Uhr bei der St. Immaculata- Kirche, in Scharnhorst Alt statt. Nach den Begrüßungsworten von Pfarrer Meurer gaben dort George & Su El aus Lütgendortmund ein Konzert.

Einführend spielte die Musikerin Su El aus den Fantasien von Telemann, die Nummer VII für Violine und Bass S-Dur wie beispielsweise den irischen Abendsegen, der die Zuhörer zum Träumen brachte. Anschließend folgten irische Stücke, wie z. B. "The Best in the Bag", "Higgin's hornpipe", "Come along with me" und "Green Garters", einige der Irischen Melodien, die von beiden Musikern mit exzellenter Virtuosität vorgetragen wurden. Bei anderen Stücken, wie z. B. dem Scheunentanz, fehlte nicht viel; fast schien es die Gäste aus den Bänken zu reißen, um einfach mitzutanzen. Nach jedem Vortrag applaudierten die Zuhörer begeistert.

 

 

 

 

 

 

Da jedoch alles Schöne einmal ein Ende hat, so wie auch dieses wunderbare Konzert, ging nach Übergabe des Jubiläumsgeschenks an den Pfarrer und das Künstlerehepaar, die Fahrt mit dem Bus weiter zum Cemex Zementwerk in Kirchderne. Dort wartete der zweithöchste Turm der Stadt, nach dem Florian, in 60 Meter Höhe auf seine Besucher.

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Der Andrang auf den Fahrstuhl war immens, denn immer nur ein paar Personen konnten mit ihm in die Höhe aufsteigen. 

 

Als der Aufzug endete, musste man die restlichen Meter über durchsichtige Gittertreppen zu Fuß hinaufsteigen, um ans Ziel zu gelangen. Derjenige, der das Wagnis einging, nach unten zu sehen, blickte in schwindelnde Tiefen.

Oben angekommen, war die Aussicht phänomenal. In bester Sonnensicht sah man weit um Dortmund herum. Landmarken in der Ferne waren insbesondere Industrieanlagen, Schloss Cappenberg, das Lanstroper Ei und vieles mehr. Jeder nutzte diese einmalige Möglichkeit aus, die Aussicht zu genießen, bevor die Autorin Sabine Ludwigs aus ihrem Buch las.

 

 Das Lanstroper Ei resp. der Greveler Wasserturm

 

Nicht auf der Titanic - hoch oben auf dem zweithöchsten Turm von Dortmund

 

Industrie von links nach rechts: Datteln bei Löringhof, Lünen bei Wilbringen, Lünen bei Buddenburg

Das Thema der diesjährigen Lese-Lausch-Lern-Reise hatte mit etwas zu tun, das definitiv zum Leben dazugehört, mit dem Tod. Hoch oben über Dortmund kündigte der Landesbeauftragte Rüdiger Schmidt die Autorin Sabine Ludwigs an. Wie schon der Buddenburg-Mord der ersten Lesung, wo Tod mit Mord vergesellschaftet war, so hatte auch Sabine Ludwigs einen Text  ausgewählt, der diesem Thema entsprach. Sie las dem begeisterten Publikum aus ihrem Buch „Ruhrpott-Schoten“ vor. Einerseits las sie getreu dem Motto vom "Taubentod", andererseits war Sabine Ludwigs Text aber auch kulturell, integrativ und philosophisch wichtig. Die Besitzerin der Katze Kanake, die verantwortlich für manchen Taubentod ist und nur auf diesen einen Namen hört, sieht sich aufgrund des Namens ihres Tierchens mit Vorurteilen konfrontiert, weil dieser dem Klischee nach negativ bewertet wird - zumindest von den Unwissenden. Für die Wissenden stammt das Wort Kanake aus der griechischen Mythologie und bedeutet in Wahrheit nichts anderes als Mensch.

Nach Überreichung des Jubiläumsgeschenks an die Autorin, verließ die Truppe um ca. 16.35Uhr, um viele Aussichten und Einsichten reicher, den Zementwerk-Silo auf seinen abenteuerlichen Wegen. Die ganz Mutigen kletterten die Gittertreppe von ganz oben nach unten herunter. Nach dem Dank des Landesbeauftragten an das die Führung begleitende Personal stiegen die vergnügten Reisegäste wieder in den Bus ein, in Erwartung der Dinge, die noch kommen würden.

  

Das nächste Ziel war dem Motto getreu das Bestattungshaus Rousseau in Derne. Auf dem Weg dorthin durchfuhr der Bus das neue Gewerbegebiet Gneisenau. Die Zeche Gneisenau ist ein stillgelegtes Bergwerk im Ortszentrum von Dortmund-Derne. Es liegt etwa mittig zwischen der Dortmunder Stadtmitte und der Stadt Lünen.

Markanter Förderturm über den Häusern von Dortmund-Derne; Tomson-Bock von 1883 auf dem benachbarten Schacht II

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Um 17.00 Uhr wurde es spannend im Bestattungshaus Rousseau. Zunächst stellte Carsten Strauß, geprüfter Thanatopraktiker, den elterlichen Betrieb vor. Der Umgang mit dem Tod gehört zu den Themen, die gerne vermieden werden. Dennoch bringt es die Zeit mit sich, dass wir immer wieder mal mit dem Lebensende anderer, schlimmstenfalls eines uns nahe stehenden Menschen konfrontiert werden, ob wir dies wollen oder nicht. Diese Berührung macht uns in der Regel tief betroffen. Für alle Fragen, die dann plötzlich im Raum stehen und Aufgaben, die zeitlich befristet gelöst werden müssen, steht die Familie Strauss den Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite.

In der anschließenden Lesung setzte sich Bruni Braun mit dem Thema "Tod" und der Thanatopraxie auseinander.

Die Würde des Lebens endet nicht mit dem Tod. So sollte ein Verstorbener nicht so aussehen, dass es ihm peinlich wäre, wenn er sich sehen könnte. Thanatopraxie leitet sich von „Thanatos“, dem Namen des Todesgottes in der griechischen Mythologie ab. Der Begriff umfasst alle Tätigkeiten, die nötig sind, um eine ästhetisch und hygienisch einwandfreie Aufbahrung eines Verstorbenen zu ermöglichen. Thanatopraxie beinhaltet neben der hygienischen Totenversorgung und der herbeigeführten Verzögerung des Verwesungsprozesses durch Austausch des Blutes gegen Formaldehyd auch die Wiederherstellung eines ästhetischen Erscheinungsbildes des verstorbenen Menschen. Thanatopraxie ist daher u. a. hilfreich beim Identifizieren gefallener Soldaten.

Die meisten Menschen wollen alt werden, es aber nicht sein. Die Folge des Alters, der Tod, wird oft nicht akzeptiert, stattdessen gern verdrängt und tabuisiert. Doch es gibt auch Länder, in denen man bewusster mit dem Tod umgeht, weil man ein anderes Verhältnis zu diesem natürlichen Prozess aufgebaut hat. Emotionalität darf dort lebendig sein, ohne belächelt zu werden. Diese Art und Weise mit den Gedanken an die Verstorbenen umzugehen, erlebte Bruni Braun auf einem mallorquinischen Friedhof  anhand der Grabsteinaufschriften, die dem Gegangenen  positive Gedanken nachschickten. 

In ein Marmorbuch geschrieben, fand sie sogar einen Text, den der Verstorbene zwar zu Lebzeiten verfasste, der jedoch so angelegt war, als teile er dem Lesenden seine Pläne, Wünsche und Kritik aus dem Jenseits mit. Seine Worte waren lebendig, berührend und erweckten das Gefühl, die Person, die als „Poet“ unterzeichnet hatte, sei gerade in diesem Augenblick mit all ihrem Sein und was sie ausmacht(e) zugegen. Dabei war der Poet im Alter von 92 Jahren bereits gestorben und weilte längst nicht mehr auf der Erde. Dennoch verließ der Besucher sein Grab mit einem Lächeln.

 

In Spanien hinterlassen Angehörige ihren Heimgegangenen oftmals sehr persönliche

Worte auf den Grabsteine wie z. B.  diese Mutter  an Ihren verstorbenen Sohn:

 

Im Himmel wurde es geschrieben, dass du gehen musstest

 und auf der Erde ließest du uns zurück.

Vom Himmel aus schaust du mich an

und mit der Luft umarmst du mich

und ich sehne mich nach dir, mein Sohn,

jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, die vergeht,

denn ich liebte dich jeden Tag deines Lebens

ich liebe dich und werde dich lieben jeden Tag meines Lebens

und wenn wir im Jenseits vereint sein werden

werde ich dir weiter liebend folgen

denn die Liebe einer Mutter endet niemals.

 

Wenn Bruni Braun japanische Kirschbäume sieht, so wie auch während einer Vernissage in Lettland geschehen, denkt sie spontan an mallorquinischen Schnee. Die Blüten fielen damals vom japanischen Kirschbaum herunter und lagen wie ein weißer Teppich auf der Wiese.

In diesem Zusammenhang erzählte Bruni Braun den gespannten Lauschern eine Legende: Es war einmal ein mallorquinischer Fürst, der eine Prinzessin aus den Pyrenäen geheiratet hatte. Er war von ihr verzaubert und liebte sie sehr. Alles wollte er für sie tun. Doch die Prinzessin war bedrückt von Melancholie und Trauer. Sie liebte den Schnee, der ihr aus ihrer Heimat vertraut war. Doch wo sie nun mit ihrem Ehemann zuhause war, gab es keinen Schnee. Auf die Frage ihres Gatten, warum ihr so schwer ums Herz sei, antwortete sie mit Wehmut, dass sie sich den Schnee wünsche, der die Erde wie ein Teppich bedecken sollte. Daraufhin ließ der Fürst alle Diener rufen, damit sie Tausende von Mandelbäumen kauften, die er dann, verteilt über sein ganzes Land, anpflanzen ließ. Als die Zeit gekommen war und die Blüten wie ein dichter Teppich auf der Erde lagen, zeigte er seiner angebeteten Prinzessin seinen mallorquinischen Schnee. Sie war darüber überglücklich und beide lebten froh bis an ihr Lebensende.

Vielleicht ist es die differenzierte Betrachtungsweise, wie die auf den mallorquinischen Schnee, die etwas Unabänderliches und Ungewohntes in einem anderen und doch vertrauten Licht erscheinen lässt.

Die Teilnehmer  der Lese-Lausch-Lernreise waren dem Motto der Jubiläums-Reise durchweg zugetan. Niemand fühlte sich einem Tabuthema ausgeliefert. Vergnügt schritten alle wieder hinaus in die warme Sonne, die strahlte und  das Bewusstsein dafür öffnete, dass die Welt sich auch nach dem Tod eines Menschen immer weiterdreht.  

Jeder Teilnehmer erhielt zwei exquisite Jubiläumsgeschenke, die u. a. von der Künstlerin Bruni Braun entworfen wurden. Mit dem Bus kehrte die Truppe zum Ausgangspunkt zurück, wo man gegen 18.00 Uhr beim Franziskaner einkehrte.

 

  

Bei Getränken und Bockwürstchen unterhielten sich alle vortrefflich und  ließen die Erlebnisse des Tages Revue passieren. Auch in die Zukunft wurde geblickt: Bis zum nächsten Mal – bis zur Lese-Lausch-Lernreise 2013!

 

Internet:

 

Bruni Braun                                            www.do-scharnhorst.de/kuenstler/bbraun/bruni-braun.htm

Förderverein Lanstroper Ei                      http://lanstroper-ei.d-gn.de/

Stadtbezirksmarketing Dortmund-Scharnhorst   

http://www.dortmund.de/de/leben_in_dortmund/stadtbezirke/stbzportal_scharnhorst/leben_in_scharnhorst/stadtbezirksmarketing_scharnhorst/index.html

Sabine Grimm                                        www.sabine-grimm.de

Sabine Ludwigs                                     www.sabine-ludwigs.de 

Landschaftspark Alte Körne               http://parks.dortmund.de/project/assets/template1.jsp?smi=2.15&tid=85197 

Cemex Betonwerk Dortmund   http://www.cemex.de/baustoffe/staedte/beton-zement-dortmund.html

St. Immaculata Kirche      http://www.stadtkirche-dortmund.de/stadtkirche_dortmund/index.phtml?ber_id=97

Strauß Bestattungshaus                    www.rousseau-bestattungshaus.de

Zeche Gneisenau                                            www.route-industriekultur.de

Historisches und Fotos von Derne                 www.do-scharnhorst.de

Nahverkehrslinie RB 50 "Der Lüneneer"     www.mytrainsim.de

Gewerbegebiet Gneisenau                            www.gewerbegebiet-gneisenau.de

   

Entwurf: Bruni Braun

Eingestellt am 21.06.2012 20:33 Auf Facebook veröffentlichen Auf Twitter veröffentlichen


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